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Wollen wir alle dasselbe?

 

Mir begegnet es manchmal, dass Menschen die Möglichkeiten eines harmonischen Miteinanders bezweifeln, bzw. es nur in gewissen Grenzen für möglich halten. Die häufig angeführte Begründung besagt, dass ja jeder etwas verschiedenes will und dies notwendigerweise zu Konflikten und Verlierern führt. Zumindest einige Menschen werden auf der Strecke bleiben und nicht bekommen, was sie wollen. Ob nun Trump oder Clinton als Präsident, ca. die Hälfte des Landes verliert.

Ich sehe in solchen Sichtweisen die grundlegende Annahme, dass unser Wollen grundsätzlich im Konflikt steht und wir nicht alle das bekommen können, was wir wollen. Daraus wird schnell geschlussfolgert, dass Konflikte, Kampf und sogar Kriege unvermeidlich sind. Diese Vorstellung finde ich sehr trennend und entmutigend.

Wir Menschen haben natürlich verschiedene Wünsche, Ziele und Werte. Wir streiten uns, sind gewalttätig gegeneinander und führen Kriege. Trotz der offensichtlichen Wahrheit, die darin liegt, dass wir Menschen unterschiedliche Dinge wollen, gibt es eine für mich tiefere Wahrheit in der Aussage, dass wir alle dasselbe wollen. Ich möchte diese Sichtweise im Folgenden nachvollziehbar machen.

Mit den Worten „dasselbe wollen“, verbinde ich zwei verschiedene Bedeutungen, die teilweise konträr sein können.

Einmal kann man damit ausdrücken, das gleiche Objekt besitzen zu wollen oder den selben individuellen Zustand erreichen zu wollen. Z.B. könnte man meinen, dass jeder im Lotto gewinnen will, dass jeder Kanzler werden will, dass jeder geliebt werden will oder glücklich sein will.

Und zweitens kann man damit meinen, dass wir denselben Zustand in der Welt wollen. Wenn wir beide nämlich Kanzler werden wollen, dann wollen wir etwas anderes in der Welt. Wenn aber nur du Kanzler werden willst und ich auch will, dass du Kanzler wirst, dann wollen wir beide auf eine andere Art dasselbe. Wir streben den gleichen Zustand in der Welt an.

Wenn wir also beide Kanzler werden wollen, wollen wir auf eine Art dasselbe, nämlich für uns individuell dasselbe, aber für die Welt wollen wir etwas anderes. Zur selben Zeit Kanzler zu sein, ist nicht möglich, unser Wollen steht dann im Konflikt. Zur selben Zeit glücklich zu sein, ist möglich und steht nicht prinzipiell im Konflikt.

Wenn wir uns anschauen, was wir so alles wollen, dann lassen sich diese begehrten Dinge oder Zustände bezüglich ihrer Spezifität bzw. Allgemeinheit ordnen. Ich will geliebt werden und ich möchte frei sein sind sehr allgemeine Wünsche. Mit der attraktiven Frau an der Bar ins Bett zu gehen und den morgigen Jackpot im Lotto zu gewinnen wäre spezifischere Wünsche. Ich gehe nun davon aus, dass hinter jedem spezifischen Wunsch allgemeinere Antriebe stehen. Dies führt zu der Unterscheidung zwischen Bedürfnis und Strategie. Mit Bedürfnis bezeichne ich die Essenz dessen, was wir wollen, und mit Strategie wird der Weg, die Art und Weise, bezeichnet, von der wir glauben, dass dadurch ein Bedürfnis erfüllt wird.

Kanzler sein zu wollen wäre kein Bedürfnis, aber eine Strategie um irgendein oder wahrscheinlich eher mehrere Bedürfnis zu erfüllen (z.B. die Bedürfnisse nach Sinn, Beitrag, Aufmerksamkeit oder Wertschätzung).

Die erste Sichtweise, in der ich es für eine sinnvolle Aussage halte, dass wir alle dasselbe wollen, besteht darin, dass wir alle die Erfüllung unserer Bedürfnisse wollen und dass wir alle dieselben grundlegenden Bedürfnisse haben. So wie wir beispielsweise alle Luft und Schlaf brauchen, so wollen wir auch alle Liebe und Freiheit. Unsere Strategien, wie wir unsere Bedürfnisse erreichen, unterscheiden sich allerdings mehr oder weniger. Der eine sucht Entspannung bei der Gartenarbeit, die andere in der Meditation. Der eine findet Sinn in seinem Job, die andere in ihrem Muttersein.

Diese erste Sichtweise beinhaltet, dass wir auf der Ebene der Bedürfnisse alle den selben individuellen Zustand erreichen wollen.

Des Weiteren glaube ich, dass auch das, was wir für die Welt wollen, in einem gewissen Sinne dasselbe ist.

Diese Sichtweise wird hoffentlich verständlich, wenn wir uns verdeutlichen, dass Bedürfnisse nicht so “egoistisch“ sind wie wir sie oft verstehen. Mindestens so sehr wie wir geliebt werden wollen, wollen wir lieben. Wir wollen anderen Wesen gut tun und wir wollen unserem Leben einen Sinn geben, der über unser Wohlsein und unser Überleben hinausgeht.

Wenn daher die Erfüllung einiger meiner Bedürfnisse auf Kosten des Wohlergehens anderer Menschen oder Lebewesen geht, dann frustriere ich damit letztendlich auch ein Bedürfnis von mir.

Dies bedeutet, dass die perfekte Strategie für mich die Strategie ist, die allen am Besten dient.

Mein Glück kann nicht vollendet sein, wenn nicht auch die Anderen glücklich sind.

Aus diesen Überlegungen folgt, dass die individuelle Suche nach der besten Strategie, die alle meine individuellen Bedürfnisse erfüllt, die Suche nach der Strategie ist, die allen am besten dient, die die Bedürfnisse aller Lebewesen erfüllt. Wenn ich all meine Bedürfnisse erfüllen will, müssen die Bedürfnisse aller erfüllt sein.

In diesem Sinne sehnen wir uns alle nach einem Zustand der Welt, im Großen wie im Kleinen, der für alle Lebewesen funktioniert. Dies wäre eine weitere Sichtweise in der wir alle dasselbe wollen.

Wenn wir nun alle auch in der Welt dasselbe anstreben und das Wohlergehen anderer Menschen uns angeblich allen ein natürliches Anliegen ist, wie kommt es dann zu so viel Gewalt?

… Streitereien, Konflikten, Gewalt gegen uns, gegen andere, Krieg, Morden, Folter?

… weil wir nicht wissen, wie wir alle unsere Bedürfnisse gleichzeitig befriedigen können.

… weil wir unsere individuellen Bedürfnisse so erleben als wären sie im Konflikt, machen wir ständig Kompromisse. Um ein Bedürfnis zu befriedigen, missachten wir ein anderes Bedürfnis.

Ein Beispiel dafür ist der klassische Konflikt in Beziehungen zwischen Nähe und Freiheit. Wie wir beide Bedürfnisse gleichermaßen befriedigen können wissen wir Menschen häufig nicht. Die Folge ist, dass jeder Mensch von Situation zu Situation oder als konstantes Persönlichkeitseigenschaft ein Bedürfnis vernachlässigt, um das andere zu bewahren. Die eine Strategie ist Nähe eher zu meiden, zum Beispiel indem man gar keine Beziehungen eingeht oder sich nur zu einem gewissen Grad auf andere Menschen einlässt, um sich nicht schwach, verletzbar und abhängig zu fühlen, um damit u.a. die eigene Autonomie zu bewahren. Eine gegenteilige Strategie wäre das Sichern der Nähe, indem man sich ganz an den Partner anpasst, versucht Konflikte zu vermeiden, andere eigene Bedürfnisse zurückstellt und sich aufopfert, womit man sich letztendlich abhängig macht und u.a. das eigene Bedürfnis nach Autonomie opfert.

Weil unbefriedigte Bedürfnisse schmerzhaft, überfordernd und bedrohlich für uns sein können, hat der Mensch Schutzmechanismen entwickelt, wie z.B. die Fähigkeit zur Verdrängung. Wir können Bedürfnisse verdrängen, so dass wir sie nicht mehr spüren und dann so handeln können als hätten wir diese Bedürfnisse gar nicht.

Das Verdrängen von Bedürfnissen geht mit hohen Kosten einher.

Denn das Bedürfnis ist durch die Verdrängung nicht wirklich weg, nur unserem Bewusstsein und Erleben weniger zugänglich. Bei bestehendem Mangel sucht das das Bedürfnis nach Wegen sich erfüllen. Es beeinflusst weiterhin unbewusst unser Verhalten. … dann jedoch viel häufiger in weniger direkter, destruktiver und weniger funktionaler Art und Weise.

Streit, Gewalt und Kriege sind solche Strategien, sind die Folge von Verhaltensweisen, deren zugrundeliegende Bedürfnisse eher unbewusst sind. Diese destruktiven Strategien sind die Folge von verdrängten abgeschnitten Bedürfnissen. Menschen können so immens gewalttätig gegenüber anderen Menschen sein, weil sie kein oder nur ein begrenztes Mitgefühl diesen Menschen gegenüber haben. Sie haben ihr Bedürfnis zu lieben verdrängt, weil es sie überfordern würde, dies auch zu spüren.

Es ist letztendlich Hilflosigkeit, die Hilflosigkeit, die darin besteht, nicht zu wissen, wie ich alle meine Bedürfnisse gleichzeitig befriedigen kann. Wir alle tun unser Bestes, suchen Wege, gut für uns und unsere Bedürfnisse zu sorgen und die Verdrängung und Missachtung einiger Bedürfnisse ist Teil unseres Versuchens.

Wir wissen es nicht besser als wir es tun. Weil wir alle unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben und unterschiedliche Anlagen haben, haben wir auch unterschiedliche Strategien. Und mit diesen verschiedenen Strategien geraten wir miteinander in Konflikt, wenn wir keine Wege des Dialogs und der Verständigung finden, welche unsere Unterschiede synergetisch zusammenbringt und in Lösungen integriert, die für alle funktionieren.

Denn, dass wir unterschiedliches wollen erscheint nur wahr auf der Strategie-Ebene. Letztendlich, auf der Ebene unserer Bedürfnisse, in der Tiefe unserer Herzen, wollen wir alle dasselbe. Wir haben dieselben Bedürfnisse und wir wollen eine Welt, die möglichst gut für alle funktioniert. Unser Wollen ist in der Tiefe eins.

Diese Sichtweise macht mir Mut, gibt mir Hoffnung und Energie, sie richtet mich darauf aus Trennungen zu überwinden, Verbundenheit zu suchen und macht mein Leben – und damit das Leben anderer – erfüllter. Für mich ist das die Essenz von Wahrheit.

 

Die Heiligkeit unserer Bedürfnisse

Zusammenfassung

Wir lehnen unsere Bedürfnisse oft ab, weil wir sie mit “Bedürftigkeit” assoziieren oder weil wir Ideale der Bedürfnislosigkeit missverstehen. Unseren Bedürfnissen können wir jedoch nicht entkommen, sie stehen hinter allem was wir tun. Ablehnung und Unbewusstsein bezüglich der eigenen Bedürfnisse schafft Destruktivität. Das Erkennen und Annehmen der eigenen Bedürfnisse führt zu einem erfüllteren Leben, denn sie weisen uns den Weg zu unserem höchsten und göttlichen Potential.

 

Der Talmud sagt uns, dass in der kommenden Welt jeder Rechenschaft ablegen muss für all die Sehnsüchte, die er in dieser Welt hätte erfüllen können, bei denen er sich jedoch dagegen entschied. Die Dinge, die wir ersehnen, die Bedürfnisse an sich, sind heilig. Wer hat sie in unsere Herzen gelegt, wenn nicht Gott. Aber wir haben gelernt, uns zu schämen für das was wir wollen. Unsere Bedürfnisse wurden furchtbar verzerrt und sind damit Ursache dafür geworden, dass wir furchtbar schmerzhafte Dinge tun.“ (aus „This is real and you are completely unprepared“ von Alan Lew; frei aus dem Englischen übersetzt)

 

Eigene Bedürfnisse lehnen wir oft ab

Ich habe den Eindruck, dass eine ablehnende Haltung gegenüber den eigenen Bedürfnissen eher die Regel ist als die Ausnahme. … zumindest in der mir vertrauten westlichen Kultur. Ich verstehe warum wir alle dies mehr oder weniger tun und ich betrauere die daraus folgende Destruktivität.

Ich betrachte Bedürfnisse als unverzichtbare Wegweiser für ein erfülltes Sein. Im Folgenden möchte ich nachvollziehbar machen, warum ich ich unsere Bedürfnisse für so wichtig halte und warum ich für eine bewusste Integration von Bedürfnissen auf individueller Ebene und auf gesellschaftlicher Ebene plädiere.

 

Es besteht Verwirrung über die Bedeutung von Bedürfnissen

Einen Grund für die Ablehnung unserer Bedürfnis sehe ich in Unterschieden in den Bedeutungen, die wir mit dem Begriff „Bedürfnis“ verbinden.

Es ist bezeichnend, dass die Begriffe „bedürftig sein“ und „Bedürftigkeit“ negativ besetzt sind. Bedürftigkeit assoziieren wir mit schwach sein, hilflos sein und abhängig sein. Wir wollen nicht bedürftig sein, sondern unabhängig, selbstgenügsam, fähig und autonom. „Ein Bedürfnis zu haben“ wird anscheinend oft gleich gesetzt mit „bedürftig sein“. Folglich bedeutet ein „Bedürfnis zu haben“, schwach, hilflos und abhängig zu sein. Dass aus solch einem Verständnis, ein Widerstand gegen die eigenen Bedürfnisse entsteht, ist nachvollziehbar.

In spirituellen Lehren ist häufig von einem Ideal der Bedürfnislosigkeit die Rede. “Zu wollen“ wird da als zentrales Problem betrachtet. Bedürfnisse und Wünsche zu transzendieren wird als erstrebenswertes Ziel angesehen. Die Idee, die dabei entsteht (denn ich bezweifle, dass dies der Essenz der eigentlichen Lehre entspricht), ist, dass Bedürfnisse etwas Minderwertiges, Niederes sind, das man überwinden sollte. Wen man solch eine Idee in sich trägt, ist es ebenfalls nachvollziehbar, dass man den eigenen Bedürfnissen mit Ablehnung begegnet.

 

Wir haben alle dieselben Bedürfnisse aber verschiedene Strategien um sie zu befriedigen

Wenn ich von Bedürfnissen spreche, ist mir die Unterscheidung von Bedürfnissen und Strategien sehr wichtig, die in der Gewaltfreien Kommunikation nach M. Rosenberg zentral ist.

Verkürzt gesagt, verstehe ich unter einem menschlichen Bedürfnis einen grundlegenden Antrieb, der in allen Menschen angelegt ist. Strategien sind dagegen mehr oder weniger spezifische und austauschbare Wege zur Befriedigung von Bedürfnissen.

Beispielsweise habe ich mein Bedürfnis nach Wertschätzung schon durch viele verschiedene Strategien versucht zu befriedigen, durch gute Schulnoten, durch gutes Aussehen, durch höfliches Verhalten, durch geistreiche Gesprächsbeiträge und vieles mehr. Mein Wunsch gute Noten in der Schule zu haben, war eine Strategie, die nicht nur kurzfristig zu Anerkennung und Lob führte und damit meinem Selbstwert diente. Diese Strategie bediente viele weitere Bedürfnisse. Ich wollte gute Noten haben, um mein Wunschfach studieren zu können. Davon versprach ich mir in letzter Konsequenz ein Leben, in dem alle meine Bedürfnisse erfüllt sind. Es war Teil meines Lebensplanes, der eine sehr komplexe Strategie darstellt, um alle meine Bedürfnisse zu erfüllen.

Ein Wert der Unterscheidung zwischen Bedürfnis und Strategie liegt in der Flexibilisierung unseres Verhaltens. Wir Menschen sind manchmal festgelegt auf eine einzelne Strategie. Wir glauben, dass nur auf diesem einen Weg Glück und Erfüllung möglich sind und dass uns immer etwas fehlen würde, wenn diese Strategie scheitern würde. Das macht uns abhängig und hilflos.

Wenn ich mein eigenes Verlangen erforsche und tieferliegende Bedürfnisse identifiziere, dann eröffnet sich mir die grundsätzliche Möglichkeit, neue Wege zu finden, um dasselbe Bedürfnis zu erfüllen. Wenn ich dieses Bedürfnis dann anders erfülle, kann ich die wertvolle Erfahrung machen, dass die Strategie, auf die ich fixiert war, plötzlich ihre Ladung, ihre Anziehung, verliert.

Zum Beispiel bin ich persönlich sehr darauf fixiert, verstanden zu werden. Daher waren Momente, in denen ich eine tiefe Verbindung zu einem anderen Menschen spürte ohne dass ich verstanden wurde, sehr erhellend. Diese Erfahrung half mir zu verstehen, dass ich eigentlich Verbindung suche. Denn als diese tiefe Verbindung da war, hatte ich kein oder kaum noch ein Verlangen danach verstanden zu werden. Der Umstand, dass die andere Person mich hinsichtlich einer spezifischen Sache nicht verstand – was vorher viel Schmerz und Erleben von Distanz auslöste – war mir nun ziemlich egal. Ich konnte nämlich die Erfahrung machen, dass körperliche Nähe dasselbe Bedürfnis erfüllen kann, das ich gewohnheitsmäßig eher durch Reden und Verstandenwerden zu erfüllen versuche.

Zusammenfassend gesagt sind Bedürfnisse notwendiger Teil unseres Wesen und ihre Erfüllung ein nicht ablegbares Streben, wohingegen Strategien austauschbar und nur Mittel zum Zweck sind.

 

Hinter allem was wir tun stehen unsere individuellen Bedürfnisse

Ich finde es wichtig, mir klar zu machen, dass alles was wir tun, motiviert ist. … dass sämtliche unserer Handlungen eine Funktion haben, eine Intention – auch wenn diese vor allem in ihrer Tiefe unbewusst ist. Per Definition sind es unsere Bedürfnisse, die wir am Grunde unseres Handelns finden. Unser Handeln kann in seiner Wirkung absolut im Widerspruch zu all unseren Bedürfnissen stehen. Im Moment des Handelns jedoch gibt es eine Vorstellung – bewusst oder unbewusst – davon, mit dieser Handlung irgendwie ein Bedürfnis zu erfüllen.

Sehr oft zielt unser Handeln nur auf einige Bedürfnisse ab und missachtet andere Bedürfnisse.

Setze ich mich vor den Fernseher und erfülle damit mein Bedürfnis nach Entspannung oder arbeite ich weiter und erfülle damit meinen Wunsch nach produktiv sein, was meinem Leben auf der Ebene der Bedürfnisse u.a. Orientierung, Sicherheit und Sinn gibt.

Das Bedürfnis „zu lieben“ und „anderen Menschen gut zu tun“, kann zu einer Bereitschaft für Verhaltensweisen führen, die nicht vereinbar sind mit unseren sonstigen Bedürfnissen. Wir können bereitwillig unser Leben für Menschen geben, die wir lieben, zum Beispiel Mütter für ihre Kinder. Den Freitod können wir allerdings auch aus eher „egoistischen“ Motiven wählen, um Freiheit von Schmerzen zu erlangen oder um Frieden und Ruhe zu finden.

 

Wir können nicht nicht Wollen

Wenn die spirituellen Lehrer von der Transzendenz des Wollens sprechen, dann meinen sie – meiner Auffassung nach – eine bestimmte Art des Wollens, nämlich die Suche nach Erfüllung unserer Bedürfnisse in vergänglichen Dingen. Diese Art des Wollens sollen wir überwinden.

Weiterhin verstehe ich die spirituellen Lehrer eigentlich sogar so, dass sie einen Weg lehren, der unsere Bedürfnisse dauerhafter und nachhaltiger erfüllt. Das Überwinden des Wollens ist eigentlich ein nichts mehr Wollen, weil alle Bedürfnisse auf einer höheren Ebene bereits erfüllt sind.

Der Punkt, den ich versuche deutlich zu machen, ist der, dass jeder Mensch auf der Suche danach ist, seine Bedürfnisse möglichst gut zu befriedigen, und dass es aus dieser Tatsache kein Entrinnen gibt. Wir können nicht nicht wollen. Denn schon dies wäre wieder ein Wollen, dem zumindest ein menschliches Bedürfnis zu Grunde liegt. Unsere Bedürfnisse sind Teil unseres Wesens, essentieller als unser Körper. … denn ich kann mir vorstellen, dass der Mensch sich von seinem Körper befreit, aber was bliebe vom Mensch ohne jegliches Wollen und Streben? Ohne Bedürfnisse gäbe es keinen Antrieb, keinen Grund irgendetwas zu tun. Wir wären tot.

 

Bewusstsein über die eigenen Bedürfnisse führt zu einem erfüllteren Leben

Um im Sinne der eigenen Bedürfnisse handeln zu können, ist es sehr hilfreich zu wissen, was die eigenen Bedürfnisse sind. Ich habe von einem Mechanismus gehört, der Übergewicht fördert, und darin besteht, dass die betroffenen Personen Durst mit Hunger verwechseln. Das eigene Bedürfnis nach Wasseraufnahme wird nicht erkannt, bzw. missverstanden, und es wird eine Strategie, nämlich essen, angewandt, die nicht sehr funktional ist, weil sie den sich zeigenden Mangel im Bedürfnis „Wasseraufnahme“ nicht oder kaum erfüllt.

Ich glaube, dass alles destruktive Verhalten unserer menschlichen Rasse darauf zurückführbar ist, dass wir mehr oder weniger unbewusst bezüglich der eigenen Bedürfnisse sind und in Folge dessen dysfunktionale Strategien anwenden. Wir führen Kriege um Frieden zu schaffen. Wir schlagen unsere Kinder, damit es ihnen gut geht. Wir belügen unsere Partner, um sie nicht zu verletzen. Die Absichten sind meist gut, die Wege jedoch sind gewalttätig und die Unbewusstheit ist groß.

Bedürfnisse sind Ratgeber und Wegweiser zu einem erfüllten Leben. Sie zeigen uns das, was wir brauchen, was uns glücklich macht und wonach wir uns in der Tiefe unserer Herzen sehnen.

Wenn wir nicht wissen, wo wir hin wollen, stehen die Chancen schlecht, dass wir ankommen.

Es ist ein bitteres Erwachen, wenn wir feststellen, dass die Wege, die wir in unserem Leben eingeschlagen haben, nicht zu den erhofften Ergebnissen führen. Wenn selbst der erträumte berufliche Erfolg, der Reichtum, die Traumfrau und dergleichen uns doch nicht erfüllen.

Oskar Wilde bringt diese Erfahrung in folgendem Zitat beißend auf den Punkt: „Es gibt nur zwei Tragödien im Leben. Die eine besteht darin, dass man nicht bekommt, was man sich wünscht, und die andere darin, dass man es bekommt.“

Die Wurzel beider Tragödien liegt eben genau darin, dass wir unwissend sind bezüglich dem, was uns erfüllt und glücklich macht. Dabei liegt dieses Wissen in uns. Wir müssen nur lernen, zuzuhören und diese innere Sprache zu verstehen.

Das Annehmen, das Umarmen, das Wertschätzen, das neugierige und liebevolle Erkunden der eigenen Bedürfnisse kann uns aus dieser Unwissenheit herausführen und zu fähigen Gestaltern eines erfüllten Lebens machen.

 

Meine Bedürfnisse weisen auf mein göttliches Potential hin

Die Tiefe, Komplexität und Schönheit meines Wollens, die mir auf meinem Weg der inneren Erkundung begegnet ist, haben nicht die irgendwie profane und platte Qualität, die ich mit dem Wort Glück verbinde. Tiefes Erfülltsein, tiefes Verbundensein mit den eigenen Bedürfnissen, lässt in mir unter anderem ein Gefühl von Ehrfurcht und Demut entstehen, weil es mir einen Blick in mein eigenes Potenzial, in mein höheres transzendentes Wesen, gewährt.

In diesen Moment kann ich meine Bedürfnisse nicht länger als ausschließlich biologische Mechanismen verstehen, die den Zweck haben mein Leben bzw. das Leben meiner Spezies sicherzustellen. Meine Bedürfnisse verweisen auf mehr, auf etwas größeres. Daher ist es für stimmig, meine Bedürfnisse als heilige innere Stimmen zu verstehen, die mir den Weg zum Göttlichen weisen.

Es ist ein Bedürfnis von mir, dass alle Menschen gut versorgt und erfüllt sind. Daher wünsche ich mir, dass möglichst viele Menschen Zugang zu ihren Bedürfnissen finden, dass sie aus dieser inneren Verbindung heraus leben und eine Welt gestalten, die den Bedürfnissen allen Lebens gerecht wird.