systemische Traumatisierung

Das Konzept der „systemischen Traumatisierung“ hat mir geholfen, meine eigene innere Dynamik besser zu verstehen.

Ausgangspunkt ist ein Erleben von Ausgeliefertsein und Machtlosigkeit gegenüber Systemen. Es geht häufig einher mit Zuständen des Betäubtseins, Abgeschnittenseins, Nur-noch-Funktionieren, mit Zuständen von Druck, innerem Zwang, mit Zuständen des Widerstandes, einer sehr kritischen Haltung gegenüber Aspekten des Systems und mit Zuständen von punktuell aufbrechendem großen Leid.

In meinem Versuch dieses Chaos zu verstehen. Insbesondere in meinem Versuch gerade nicht kritisch zu sein, sondern das System erst einmal zu akzeptieren was und wie es ist und mich die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass ich mich entschieden habe in diesem System zu leben. Ich wollte nicht in eine Opferhaltung rutschen, sondern mein Bestes tun unter den gegebenen Umständen, die letztendlich niemals perfekt sind.

Warum aber reagierte ich nun so stark, obwohl es äußerlich scheinbar so eine Kleinigkeit war. Z.B. ging es zuletzt nur um das Benutzen eines halbstrukturierten Fragebogens auf meiner neuen Arbeitsstelle.

Aufgrund der Ähnlichkeit zu anderen Zuständen, in denen ich die grundlegende Rolle von Traumata schon klarer verstand, versuchte ich zu verstehen, was für eine Traumatisierung da immer wieder wirkte. … denn ich konnte ein lebenslanges Muster erkennen, dass ich mich in verschiedensten Systemen sehr unwohl fühlte und zu massiven Mitteln der Selbstbetäubung, des Erstarrens und Ertragens griff um es zu überleben oder wenn ich konnte, flüchtete. Als Kind konnte ich meist nicht flüchten und musste Ertragen. Die Gesamtheit meiner Kindheit ist für mich überlegt von diesem Erleben des „Ertragens“, es war wie ein Normalzustand.

Als Erwachsener hatte ich mich mehr Freiheitsgrade, ich konnte wählen, in welchen Systemen ich mich bewege. Und so wählte ich vor allem das Flüchten. Entweder verweigerte ich mich den Strukturen im System (im Studium z.B. war da viel möglich) oder wenn das Verweigern/Rebellieren gegen die Strukturen zu zu unangenehmen Konsequenzen führte (v.a. in angestellten Verhältnissen), dann schmiss ich den Job hin, meist nach einer Zeit des Ringens, in welches es mir immer schlechter ging und ich dann meist mit einer Krankschreibung (aufgrund einer Depression) diesem Arbeitskontext entkam.

Ich habe noch nie länger als 1 Jahr in einer Arbeitsstelle ausgehalten.

Und um diese Muster zu verstehen, entstand dieses Konzept der systemischen Traumatisierung.

Ich habe dieses starke Erleben Systeme als entfremdete kalte menschenfeindliche Strukturen zu erleben. Ich sehe schnell, wenn es anderen auch so geht und bin verwundet, dass andere damit scheinbar gut klar komme und traue dem nicht. Meine Sensitivität hilft mir durchaus auch Aspekte zu erkennen, in denen Systeme auch Individuen nicht gut tun, ohne dass diese davon ein Bewusstsein haben.

Aber ich glaube auch, dass meine Traumatisierung, kein akkurates Bild liefert. Ich übersehe die Dinge, die gut funktionieren, die dienlichen Dinge, für die ich weniger empfänglich bin, weil ich so schnell in der Angst und in der Trennung drin bin.

Und ich spreche von „systemischer“ Traumatisierung, weil ich in meinem inneren Erleben als Feindbild tatsächlich eher keine Menschen habe, sondern ein System, das durch verschiedene und austauschbare Menschen wirkt. … obwohl es natürlich viele Einzelfälle gab, in denen es individuelle Menschen waren, die das gewalltätige System manifestierten und auch zu Feinden wurden. Im Gesamten erlebte ich den Feind jedoch in der Ganzheit des Systems.

Ich musste in den Kindergarten gehen, ich musste schlafen gehen, ich musste zur Schule gehen, ich musste auf Klassenfahrt gehen, ich musste ins Krankenhaus gehen und zu den Ärzten, zweimal im Jahr musste ich zum Zahnarzt gehen. Meine Widerstände, mein Leid wurde nicht gesehen, war egal.

Wenn ich z.B. daran denke, mit vielen Ängsten ich zu kämpfen hatte, zum Zahnarzt zu gehen. Es war die Hölle und zwar schon Wochen vorher. Aber ich beugte mich. Ich erinnere mich nicht, dass ich gekämpft hätte. Ich ergab mich, passte mich an und niemand war da für meine Ängste. Die Botschaft: „Aber das muss man tun. Das macht man so.“ Ich als Individuum zählte nicht mehr, meine Bedürfnisse nicht. Ich hatte mich anzupassen. Und so war es mit so vielen Aspekten in meinem Leben. Ich kann es auch individuell betrachten als einen Mangel an Empathie und Fürsorge. Ich habe auch dieses große Lebensmuster „Ich werde nicht gesehen, nicht verstanden.“ Und das springt auch immer wieder an.

Aber ich sehe die einzelnen Menschen, die emotional für mich nicht verfügbaren waren, auch mehr als Opfer des Systems. Ihre Nichtverfügbarkeit, ihr starres Beharren auf den System-Regeln sehe ich auch als Hilflosigkeit und als Folge der eigenen Angepasstheit an das System. Sie sind selbst Opfer des Systems und werden so zu Tätern.  Sie wurden selbst nicht empatisch empfangen, wurden ebenfalls gezwungen ihr Leid zu verdrängen und sich anzupassen. Sie wissen es nicht besser.

Ich sehe nur einen Unterschied darin, dass es mich scheinbar stärker getroffen hat, dass ich stärker darunter leide, empfindlicher bin und die Kosten der Anpassung für mich zu hoch sind. Anpassung ist für mich keine Option, weil ich im wahrsten Sinne des Wortes darin sterben würde. Ich habe immer wieder in meinem Leben mit Suizidalität gekämpft und ich glaube, wenn ich nicht Möglichkeiten gefunden hätte, andere Wege zu gehen, die zwar nicht perfekt sind, aber es erträglicher, leichter machen …, dann würde ich heute nicht mehr leben. Hätten mir diese Ressourcen gefehlt oder wäre das System noch rigider, dann wäre es schwierig für mich. Ich vergleiche mich da oft mit meinem Vater. Ich sehe so viele Ähnlichkeiten zwischen uns. Und es scheint mir so als wäre das Ausmaß seines Leides gerade noch erträglich genug, die Funktionalität seiner Schutzmechanismen gerade noch gut genug um nicht zu dekompensieren. Aber in der Qualität seines Seins und Erlebens wäre ich wie er geworden und dieses Bild erschreckt mich.

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